Paris 1990

26. - 28. Oktober 1990
Eine Zauberformel für Viele. Anregung für die Kreativität. Eine der faszinierernsten Städte der Welt, angehäuft mit Schönheit! Ein Muss für Modedesigner, für die Figaro-Welt, die Künste. Eine unerschöpfliche Fundgrube für jeden, der mit einem offenen Geist durch die Welt streift: Vom Strassenkehrer, Fliessenleger, Bäcker bis hin zum Architekten, zum Denker....
Das ist keineswegs der Anfang eines Werbeprospektes. Ist es ein Reisebericht? Ein Streifzug durch den Fassadenwald, den Métro-Dschungel? Oder vielleicht eine zärtliche Liebeserklärung?
Für mich ist Paris die einzige Grossstadt, in der ich leben könnte. Nein, da existiert nicht nur rosarot wattierte Glückseligkeit! Ich weiss, dass der Alltag hart und grausam ist. Wo viel Licht ist, ist auch intensiver Schatten zu finden.
Ich weiss um süsslich stinkendes Elend, um vor sich hin starrende Leere, um bröckelnde Fassaden, um den täglichen Überlebenskampf. Davor verschliesse ich meine Augen nicht. Aber ich kann sogar an einer Mauer, deren Verputz herabrieselt, an der die Backsteine freigelegt werden, Schönheit oder schlicht Leben finden. Ueberall Impulse! Lebendigkeit! Selbst im Mief! Nicht Erstarren in Sterilität und Perfektion. Sind es nicht Kontraste, die zum Sehen und Denken anregen? Deswegen liebe ich Paris und erzähle hier Momente aus drei intensiven Tagen mit Roger Briner.
Ich freute mich darauf und hatte Angst. Hatte ich mir ein idealisiertes Bild der Stadt geschaffen, in den zwei Jahren seit meinem letzten Besuch? Wurde mir meine Vorstellung brutal weggerissen?
Wir steigen hinauf zur weissen Sacré-coeur, im Regen. Treppen und Wege glänzen. Gerade dieses wechselhafte Wetter erzeugt kraftvolle Stimmungen; lässt einzelne Sonnenstrahlen durch Wolkenlöcher brechen, Abschnitte des Häusermeeres hell aufleuchten, spielt mit diesem Hell und Dunkel; erzeugt Ausblicke, die den Puls beschleunigen. Ich atme tief durch und geniesse.
Auf einmal liegt die ganze Stadt mit ihren unzähligen Kaminen, Erkern, Ecken, Dächern und Türmen im Licht, vor einem bedrohlich schwarzen Hintergrund-Himmel. In den schweren Wolken bildet sich ein deutlicher Regenbogen, der zwei Viertel berührt, miteinander verbindet wie eine Brücke. Daneben steht der Eiffelturm, schlank und elegant. Erneut verliebe ich mich, flammend, glücklich, schmerzlich.

Auf dem Weg zum Place Têtre, vorbei an alten bewachsenen Gemäuern, die wie verwunschen aussehen, kommen wir an einem Kiosk vorbei. Ein frecher Spatz von Paris fliegt zu einem der aufgeschichteten Baguette-Sandwiches und zupft, flügelschlagend, in der Luft schwebend, am heraushängenden grünen Salat. Der Verkäufer verscheucht ihn lachend. Am Ziel finden wir wohl Quantität und Neugierige, aber wenig Qualität, wenig wahre Kunst.
Roger führt uns nach St-Germain-en-Laye. Wir benutzen die RER, die Schnellbahn, sitzen bequem auf unseren eroberten Plätzen. Doch bei der Station La Défense merken wir, dass wir im falschen Zug sind. Kurz bevor sich die Türen automatisch zur Weiterfahrt schliessen, starten wir gemeinsam durch und stürzen hinaus.
Das "Wochenendhäuschen" der Könige liegt, etwa 25 km Luftlinie vom Eiffelturm entfernt, in einem grosszügigen Park mit Alleen, Pavillons, Brunnen und Blumen. Der Park erinnert an Versaille, aber weist noch keine Touristenüberschwemmung auf.
Hier ist viel Platz zum Joggen vorhanden. Wir stellen uns die Höflinge mit Perücken und Prachtröcken bei dieser schweisstreibenden Tätigkeit vor. Die Sicht von der Terrasse auf die Landschaft mit ihren sanften Hügeln ist wirklich berauschend.
Etwas ganz Anderes als Kontrast. Die gewissen Oertchen in den Cafés und Brasserien der Stadt und Umgebung wirken meist ziemlich abenteuerlich. Entweder sind sie nicht zu schliessen, viel zu eng, um sich darin zu rühren, zugig, wackelig knarrend oder schmutzig; oder alles zusammen. Wahrscheinlich wird das als unwichtige Nebensache angesehen.
In der Dämmerung stehen wir vor dem Arc de triomphe. Darunter geht es in diesem Moment Patriotisch zu und her; mit Fahnen, Uniformen und Priester. Auf dem Sternenplatz herrscht bekanntes, chaotisches Treiben mit Hup- und Trillerpfeifenkonzert. Wir schlendern ein Stückchen der feudalen und teuren Champs-Elysee entlang; stehen auf einer Insel inmitten der Verkehrsbrandung; erleben ein bewegtes Lichtermeer hinauf und hinunter; auf der einen Seite gelb und auf der anderen rot.
Vor dem geschichtsträchtigen Hotel de Ville auf dem ausladenden Platz stehen formschöne Strassenlaternen. Vor der Notre-Dame mit ihrer imposanten Frontseiten-Erscheinung, - den riesigen Steinfiguren, dem kunstvollen Portal -, sitzt ein junger Trompeter auf einer Mauer und schmettert seine Weisen in den Abend hinaus.

Da heisst es doch gerne unter den Paris-Heimkehrern: "Alles ist so teuer!" Doch wir bekommen ein Essen aufgetischt - Vorspeise, Hauptgang, Dessert - für 43 francs, in einem angenehmen Restaurant. Gewusst wo und wie! Wir stehen auf einer der vielen schönen und robusten Seine-Brücken, sehen hinab auf den Fluss und auf die Ausflugsschiffe, auf die Bateau mouches. Ein ganzer Convoi schippert eben vorbei; bestrahlt beidseitig das Ufer mit starken Scheinwerfern. Empfehlenswert übrigens so eine Stadtrundfahrt am Abend auf dem Wasser. Fassaden, Paläste, Brücken, Plätze, selbst die Bäume und Menschen werden in ein verzauberndes warmes Licht getaucht.
Auf unseren Wanderungen durch Regen, Sonne und Wind bringt jeder Blick neue Eindrücke. Jede Biegung, die wir hinter uns bringen, lässt Ueberraschendes frei; Motive und Anregungen: Ein Strassenzug nur, ein verschnörkelter Balkon, eine alte Plakatsäule; ein schiefes Haus, bei dem das Gefühl aufkommt, es müsse jeden Moment umfallen; Prachtbauten, Lauben und halbe Ruinen.
Eines der Modernen Bauwerke, das mich beeindruckt, ist Mitterands Pyramide im Hof des momentan eingepackten Louvre. Diese einfachen, geometrischen Formen, auch in der Innengestaltung, ohne Schnörkel, gefallen mir. Der Bau wirkt trotz seiner Grösse luftig leicht und nachts, beleuchtet, sogar wie ein Prisma.
Von einem anderen modernen Platz aus, vom Centre Pompidou, schweift mein Blick erneut über die Stadt. Vor zwei Jahren lag die Sacré-coeur in der Abendsonne, als ich hier stand und ich von der Faszination gepackt wurde.
Manch einer betrachtet das Zentrum kopfschüttelnd, vermutet verrückte, architektonische Kunst, und dabei ist dieses Gebäude ganz einfach ein Zweckbau; logisch und vernünftig. Alles daran ist genau berechnet und geplant: Jede Strebe, jedes Rohr. Die freigelegten Leitungen und Arbeitsbereiche dienen dem erleichterten Unterhalt. Keine Wände müssen aufgerissen werden, um Reparaturen auszuführen. Auf dem Platz davor herrscht meist ein buntes Treiben: Gaukler, Musiker, Tänzer und Künstler produzieren sich. Eine Taube hat sich ins Café verirrt, sitzt auf den Tischen oder den Röhren über uns, wo als Lichtquellen spitze, nackte Birnen hängen. Im Museum der Modernen Kunst im vierten Stock finde ich eine reiche Auswahl an kreativen Impulsen für mich persönlich. Es gibt auch Werke, die nichts in mir auslösen und andere, in die ich mich tief versenken kann; von denen ich mich nicht mehr trennen möchte.
Ich sitze da und vertiefe mich in einen solchen Anblick, mache ein paar Notizen und werde nun selbst angestarrt. Doch ich bin kein Kunstwerk, oder? Ich streiche über den kühlen, samtenen Marmor einer fliessend gestalteten Skulptur. Ich muss sie spüren, sie nahe erleben; Sehen reicht mir nicht.
Beim Tinguely-Brunnen vereinen sich Gegensätze von alt und modern, von bieder und verrückt, bilden einen spannungsvollen Gegensatz. Der Wind zerrt kalt an unseren Jacken und Mänteln.
Das Musée d'Orsay ist eine Fundgrube an grosszügiger Schönheit. Die kluge Gestaltung der Räume, und die Präsentation der zahlreichen Kunstwerke betrachte ich als gelungen. Es lohnt sich, dieses Museum-Abenteuer in Angriff zu nehmen. Irgendwie erinnert die Geräuschkulisse noch an die frühere Bahnhofszeit. Ist es der gewölbte, hohe Raum, der dies hervorruft?
Die Geschichte der Opéra ist ganz hinten im Museum in einer Spezialausstellung dokumentiert. Ich laufe auf festen Glasscheiben über der Stadt, über der Oper, ein bisschen unsicher; d.h. über einem naturgetreuen Modell des ganzen Viertels. Eindrücklich ist ebenfalls der Querschnitt des Gebäudes. Dabei fällt mir unweigerlich das Musical, die Geschichte "Das Phantom der Oper" ein. Die Bühnenaufbauten und Einrichtungen nehmen mehr Raum ein, als der grosse, prächtige Zuschauersaal.
Nach ein paar Stunden inmitten der Kunst kann ich nichts mehr aufnehmen; die Eindrücke prallen an mir ab, rieseln an meiner Oberfläche herunter. Es ist genug. Ich erhole mich in einem stilvollen, angenehmen Restaurant bei freundlicher Bedienung und entspannter Atmosphäre.
Wieviele Strassen haben wir in der Zeit, die wir hier verbringen, bereits überquert? Wie Raubkatzen lauern die Wagen bis zu sechs in einer Reihe vor den Fussgängerstreifen; bereit zuzustossen, sobald die Ampel grün zeigt. Trotzdem und trotz Chaos und Verkehrsdichte ist mir aufgefallen: Wenn ich zielstrebig und sicher über die Strasse gehe, hält jeder Autofahrer an, und ich fürchte mich nicht.
Und weswegen liegen an manchen Stellen am Strassenrand vergammelte Lumpen herum? Nein, nicht aus Schlampigkeit. Das ist eine wohlüberlegte Absicht. Die Strassenränder werden gereinigt, indem das Wasser wie ein Bach den Gehsteigen entlang fliesst. Die Lumpen lenken die Geschichte in die richtigen Bahnen. Es braucht keine Expertisen, keine Vernehmlassung, keine komplizierte Vorrichtung für die Ausführung; nur Fantasie!
Einige besuchen eine Revue der Folies bergères. Wir Anderen erleben Pigalle am Abend. Drei Clochards sitzen auf dem Gehsteig, ihre Flaschen neben sich oder in den rauen Händen. Einer bittet Roger um Feuer, bedankt sich herzlich dafür. Eine Kleinigkeit nur, und doch ist da eine Art Zufriedenheit. An einer anderen Stelle sitzt einer mit leerem, trostlosen Blick und beschimpft eine Hauswand. Sex-Shop an Showraum, Nightclub an Video-Laden und daneben ein Delikatessen-Stand. Der Strasse entlang reiht sich Reisecar an Reisecar, mit denen die Reisenden aus aller Herren Länder gekommen sind. Dazu bemerkt unser Leiter: "Diese Einrichtungen hier sind für Menschen ohne Fantasie." Massen drücken sich durch die Strassen. Alkoholfahnen wehen mir hier und da entgegen. All das wird untermalt mit Bemerkungen aus den Tiefen von Roger's Philosophien, von seiner Lebenserfahrung. Kaum ein paar Strassenzüge weiter hat der rote Lichterreigen und der laute Rummel ein Ende. Hier ist's schummrig und nachtstill.
Vom Hotelzimmer aus beobachte ich morgens das Alltagsleben in der Gasse unter mir. Und ich sehe den Laden, wo die ganze Nacht durch das Nötigste eingekauft werden kann.
Der letzte Tag hüllt sich in düsteren Dauerregen. Einige brechen trotzdem zu einem Ausflug zu "Les Halles" auf. Ich führe ein gutes Gespräch im familiär wirkenden Aufenhaltsraum, umgeben vom anwachsenden bereiten Reisegepäck. Alles hat ein Ende. Als die Anderen von ihrer letzten Tour zurückkommen, fühle ich eine merkwürdig gedrückte Stimmung. Müdigkeit? Trauer? Selbst Roger mit seinen markigen Sprüchen ist ruhiger als sonst. Er sagt zu uns: "Denkt jetzt nicht: Es ist vorbei! Eigentlich beginnt es erst mit der Nacharbeit, dem Verarbeiten der Eindrücke: Skizzen auswerten, Notizen ordnen, Fotos entwickeln, Nachdenken."
Als ich beim Ausgangspunkt, in Bern, ankomme, erscheint mir die Reise wie ein rasant vorbeiflitzender Nachttraum; als hätte ich alles in Sekunden erlebt. Ich fühle mich angefüllt und doch leer. Darum wage ich mich erst jetzt an diese Aufzeichnungen. Erst musste meine "Seele" nachfolgen.
Einiges hat sich in mir verändert, in meiner Betrachtensweise, in meinem Empfinden. Dieser Kurzbesuch vermittelte mir neue Impulse; Elan, um weiterzuarbeiten; Ein- und Anblicke, Blickwinkel, Denkanstösse, Kontraste; vor allem auch Ideen für ein nächstes, geruhsameres, längeres Mal, ohne Militärschritt; aber wieder mit abgelaufenen Schuhen. Denn es gibt noch viel zu entdecken.
Immer wieder denke ich zurück: An die Atmosphäre des Lebens, an die Métro-Station, die mit ihren Menschen den Eindruck von New Orléans vermittelte. An die Toleranz, die Freiheit und selbstverständliche Persönlichkeit der vielfältigen Brasserien, Cafés und Restaurants. Ich denke an den Blick auf das Häusermeer, das Feuer und die Leidenschaft darin; an das Schauen in die Weite: Wieder einmal an Weite Horizonte! Konflikte würden friedlicher gelöst, gäbe es mehr davon!
Danke an alle, die mit dabei waren! Danke Roger für ein anderes, noch näheres Paris mit weniger Glorie und mehr Realität! Trotz Veränderungen in mir: Ich liebe die Stadt noch immer!
Copyright by Esther Grünig-Schöni
Heute ist Manches wieder anders, doch Vieles ist noch immer gleich geblieben. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall. Ich war schon einige Male dort und werde bestimmt wieder hin fahren.
Infos über ein aussergewöhnliches Gebiet in Frankreich, die
Camargue, auf Extraseiten.